Travel

Ihr habt die Uhr, wir haben die Zeit

Der warme Wind weht mir um die Ohren und meine Haare gehen in alle Richtungen. Sie versperren mir teilweise die Sicht. Die Sicht auf all das Unbekannte um mich herum. Ich sitze vorne in einem alten, etwas klapprigen, aber wunderschönen Landrover und lasse das Land auf mich einwirken. Ich liebe dieses erste Gefühl in einem neuen Land: die Gerüche in sich aufnehmen, die Bilder, die Eindrücke, die Klangwelten. Es riecht nach süßlichem Feuer, denn überall wird immer gerade etwas abgefackelt oder es wird draußen gekocht. Ich sehe viel grün; wackelige Verkaufsstände mit dem hier so typischen Zuckerbrot; winkende Kinder; Menschen, die am Straßenrand ihre Notdurft verrichten; Farben über Farben; ein Geisteskranker, den ich noch öfter auf der Straße sehen sollte – verlassen, von der Gesellschaft verstoßen und auf sich allein gestellt; strahlende Menschen; den allgegenwärtigen aufgewirbelten roten Staub in der Luft; nach Unfällen liegengebliebene Autos; Wellblechhütten; Schlaglöcher; prächtige Palmen auf der einen Seite und abgestorbene Palmen, ihrer prächtigen Kronen entraubt -nur noch Baumstämme- auf der anderen Seite; staubige Straßen; Dörfer, die einer einzigen Vodafone oder wahlweise Omo-Waschmittel Werbung gleichen, da alle Häuschen entsprechend der
Firmenfarben und Logos gestaltet sind.

Mit im Auto sitzen Ines, Claus und ihre vierjährige Tochter Joeline. In der Nacht zuvor waren Ines, Jolene und ich in Accra gelandet. Das ist die Hoteliers Familie, deren Aufruf ich gefolgt bin, als sie Unterstützung im Management ihres NGO betriebenen Ankobra Beach Resorts nahe Axim in der Western Region von Ghana gesucht haben. Zu der Zeit steckte ich noch in einem Bordeinsatz auf einem Kreuzfahrtschiff. Der Schiffsvertrag, der mein letzter sein sollte, neigte sich dem Ende zu. Nach insgesamt fast sechs Jahren Arbeit auf Schiffen, spürte ich, dass jetzt der Moment gekommen war, einen Schlussstrich unter diesen Lebensabschnitt zu ziehen. Einen letzten Ausbruch aus dem Gewöhnlichen brauchte ich aber doch noch, bevor ich das Abenteuer «sesshaft werden» angehen wollte. Als ich die Anzeige des Ankobra Beach Resorts sah, war es gleich um mich geschehen. Das Feuer war entfacht. Es gab keine Diskussionen mehr. Auch nicht, als mein Umfeld wie erwartet geschockt reagierte. All die Vorurteile, basierend auf nichts als Hörensagen spuken allen in den Köpfen herum und so schnellt ihnen bei diesem Gedanken nichts anderes in den Kopf als «Bist du denn vollkommen verrückt? Und dann auch noch allein? Als Frau? Das ist viel zu gefährlich!» Dazu gehörten Familie, Freunde und mein Tropenarzt natürlich. Letzterer verpasste mir allerlei Impfungen und riet mir eindringlich dazu die Malaria Prophylaxe zu nehmen, denn «alles andere sei Selbstmord». Selbstmord? Das klang in meinen Ohren schon etwas übertrieben. Aber natürlich machte ich mir auch Sorgen und wusste nicht so recht was tun. Geleitet von dem unbändigen Entschluss, den ich gefasst hatte und all den negativen Stimmen auf der anderen Seite, geriet ich etwas ins Wanken. Was, wenn sie doch alle recht haben und ich irgendwo mitten im Busch elendig an Malaria verrecke? Ist das realistisch oder findet das gerade doch nur in meinem Kopf statt? Zum Glück gab es bei einem Telefonat mit Ines Aufklärung zu diesem Thema. Sie riet mir von der Prophylaxe ab. In all den Jahren, die sie in Ghana lebt, ist sie selbst schon mehrfach an Malaria erkrankt. Mit den richtigen Medikamenten zur Hand, ist es ein Leichtes die Krankheit, die man an den ersten Grippe Symptomen erkennt, im Keim zu ersticken. Sie erzählte mir von den horrenden Nebenwirkungen der Prophylaxe Tabletten. Von einem belgischen Kollegen einige Kilometer entfernt, der im Psychowahn, den diese Tabletten auslösen können, fast seine Familie und sich selbst umgebracht hatte. Ich entschied also für mich, dass die Nebenwirkungen weitaus schlimmer waren. Als wir in Accra angekommen waren, habe ich mir gleich die entsprechenden Medikamente besorgt und war beruhigt. In den vier Monaten, die ich in Ghana verbrachte, wurde ich übrigens kein einziges Mal krank. All diese Gedanken schwirrten mir, neben der Kulisse, die an mir vorbeizog, im Kopf herum. Ein überwältigender Mix aus Vergangenheit, Gegenwart und die unmittelbare Zukunft, die mich erwartete, überkam mich. Ein schönes Gefühl. Es ist so herrlich ungewiss.

Akwaaba

So wurde ich von strahlenden Gesichtern begrüßt, als wir nach etwa sieben Stunden ruckliger Fahrt endlich das Ankobra Beach Resort erreichten. Das Resort ist abseits der Hauptstraße mitten im Dschungel und direkt am Atlantik. Ein kleines Paradies, das mit einer Fläche von insgesamt 45 ha Land gar nicht so klein ist. Der Weg ins Paradies ist allerdings nicht so einfach. Es gibt keine Straße. Ohne Geländewagen ist es kaum möglich dahin zu kommen. Was mich schon vor meiner Reise fasziniert hat,
war dieser natürliche Kreislauf und die Sinnhaftigkeit, mit der das Resort betrieben wurde. Für mich hieß es «endlich weg vom Massentourismus und dieser unsäglichen Oberflächlichkeit der Menschen», die für mich so unerträglich geworden war. Ines und Claus leisten in vielfältigster Weise einen enormen Beitrag für die Community sowie das Umweltbewusstsein vor Ort. Sie beschäftigen nur Einheimische und sorgen für sichere Arbeitsplätze. Die gesamte Gestaltung der Arbeitsabläufe richtet sich
harmonisch nach dem Kreislauf, der von der Natur vorgegeben ist. Umweltbewusstsein ist hier nicht nur Gerede, sondern gelebte Praxis. Das Gemüse wird selbst angebaut, der Müll wird entsorgt und nicht verbrannt. Das sind nur einige Beispiele. Selbst wenn man all das vorher nicht wusste, man erkennt es gleich.

Ankobra Beach

«Ob Ghana ein Kulturschock für mich sei», fragte Claus mich irgendwann. Doch tatsächlich empfand ich es nicht so. Vielleicht war ich selbst ein wenig überrascht darüber. Das Klima, die Gerüche, die Pflanzenwelt, die Strände – vieles erinnerte mich in gewisser Weise an Costa Rica. Ich liebte es. Das
Durcheinander, die ungewöhnlichen Gerüche – ich fühlte mich gleich «angekommen». Die offene Art der Menschen, die raue Natur, der wilde Atlantik, der natürliche Kreislauf. Es klingt sehr kitschig, aber es fühlte sich einfach richtig an.

It´s all in my head

Etwa 500 m vom weitläufigen Beach Resort mit den 8 Gäste Lodges entfernt, befand sich das so genannte «Workers Village». Hier stehen die selbst gebauten Lehmhütten inmitten eines wunderschönen wilden Gartens mit Ananassträuchern und Kokospalmen. Hier gibt es auch zwei Gemeinschaftsnasszellen (Toiletten und Duschen), eine für Frauen und eine für Männer. Am Ende des Workers Villages befand sich meine Hütte: eine kleine Treppe führte hinauf zu einem einfachen Zimmer mit Bett und Schrank. Es gab Fenstereinlassungen, aber keine Fenster. Stattdessen Moskitonetze. Perfekt. Denn mit der Lage am Meer hatte man so die beste und natürlichste Klimaanlage der Welt. Jedoch hebt es die vertraute Abgrenzung von drinnen und draußen auf.

Meine erste Nacht. Es ist 22 Uhr. Ich liege im Bett. Alle Sinne sind auf Empfang und ich höre zu. Die Tierwelt ist laut. Die meisten Laute kann ich nicht zuordnen. Das macht mir in gewisser Weise Angst und macht mich nervös. Irgendwann jedoch wiegen sie mich zusammen mit dem Rauschen des Meeres in einen tiefen Schlaf. Dieser wird von einem Urbedürfnis unterbrochen. Ich muss nach draußen zur Toilette gehen. Durch den afrikanischen Dschungel – unter dem sich alles verbergen kann – inklusive
meiner Fantasie. Besonders diese. Alles Mögliche rast mir durch den Kopf. Was oder wer kann durch meine Schritte aufgeschreckt und womöglich in den Verteidigungsmodus versetzt werden? Eine Vogelspinne, eine Green oder doch eine Black Mamba? Alle kommen sie hier vor. Die nächste
Gegendosis für das Schlangengift befindet sich etwa eine Stunde entfernt. Bei der Goldmine, für die einige unserer Dauergäste tätig sind – zumeist Expats aus Großbritannien, Kanada und Südafrika. Eigentlich ist das Mamba Problem kein so großes mehr. Vor einiger Zeit waren sie einfach überall. Sie jagten den Gästen unter anderem im offenen Restaurant einen Schrecken ein, indem sie auf einmal von der Decke runterbaumelten oder indem sie heimlich in die Lodges krochen. Um dem entgegenzuwirken brachte Ines einen Kater mit – Maxi. Der kümmerte sich rasch um die Mäuse und Ratten, was den Schlangen sogleich ihre Nahrungsgrundlage nahm und sie entfernten sich. Nicht vollständig, aber sie begegneten einem nicht mehr so häufig. Eigentlich. Wie dem auch sei. Der Drang ist schließlich größer als die Angst und ich wage mich raus. Aber erstmal mit Anti Mücken Spray vollnebeln bis ich fast ersticke. Schließlich lauern auch die Malaria Mücken da draußen. Los geht’s. Mit einer Taschenlampe bewaffnet, die nach den ersten drei Schritten den Geist aufgibt. Mein Herz rast, es ist stockduster. Meine Augen brauchen ein bisschen bis sie sich an «stockduster» gewöhnt haben. Ich kann nur Umrisse erkennen. Weder das Village noch der Weg dorthin sind beleuchtet. Angstschweiß fließt mir kalt den Rücken runter. Es ist alles in meinem Kopf. Die Szenen, die sich in
meinem Kopf abspielen, könnten abenteuerlicher nicht sein. Langsam setze ich zittrig einen Fuß vor den anderen. Mit jedem Schritt knackt etwas unter meinen Füßen. Tief durchatmen. Schließlich schaffe ich es irgendwie zur Toilette und wieder zurück und das ohne unheimliche Begegnungen. Puh,
«überlebt». So geht das in den Gewöhnungswochen fast jede Nacht – anstrengend. Bis es ganz normal ist und ich nicht einmal mehr das Mückenspray benutze.

„Ihr Europäer habt die Uhr, wir haben die Zeit“

Am nächsten Morgen wurde ich gegen 6 Uhr von dem Krähen der Hähne geweckt. Kurz darauf hörte ich vereinzelt Stimmen und diesen gleichmäßigen Klang des Fegens. Die Frauen fegten gleich nach
Sonnenaufgang in gebückter Haltung als erstes den Staub vor ihren Hütten weg. Dazu benutzten sie selbst gemachte kurze Besen, für die sie feste Sträucher zusammengebunden hatten. Ines hatte ihnen mal „rückenfreundliche“ Besen besorgt, wie wir sie in Deutschland haben, aber die gefielen ihnen nicht. Davon brachen sie den langen Stock ab und fegten, wie sie es gewohnt waren.

Bei all dem Treiben da draußen konnte ich nicht liegenbleiben. Wieso auch? Es ist wesentlich natürlicher sich dem Rhythmus anzupassen. Um 18 Uhr wird es dunkel und der Tag neigt sich dem Ende zu. Um 6 Uhr morgens beginnt der Tag mit dem Weckruf der Hähne.

Im Restaurant finde ich mich mit Ines und Claus ein. Meine Aufgabe sollte darin bestehen sie in ihrem Alltag zu unterstützen – in allen Bereichen. Besonders aber was Mitarbeiterschulungen und allgemeine
Mitarbeiterführung anging. Das klang alles sehr spannend und ich war dankbar für ihr Vertrauen.

Was ich jedoch unbedingt als Erstes angehen wollte, war die Sauberkeit der Toiletten- und Duschräume. Für jemanden, der etwas empfindlich mit Spinnennetzen und allem was kriecht oder an der Decke hängt, ist – ein Muss. Ich überzeugte die «Crew» davon, gemeinsam zu putzen. Da machte
ich selbst natürlich auch mit, aber in meiner übertriebenen Panik mit einem großen Hut, viel zu großen Gummistiefeln und voller Montur. So hatten auch alle was zu lachen und ich musste nicht befürchten, dass beim Säubern der Decke die Spinnen in meinem Kragen landeten. Die Weiße putzt mit und sieht dabei auch noch so lustig aus. Als befürchte sie, die Spinnennetze würden sie gleich einfangen und verschlingen. Sei es drum. Es war eine vergnügliche Aktion – Teambuilding mal anders. Wir haben
gemeinsam viel gelacht und am Ende fühlten sich alle mit einem sauberen Dusch- und Toilettenraum gleich viel besser. Zumindest bildete ich mir das erfolgreich ein. Noch etwas, das wohl nur in meinem Kopf so war. Wer weiß. Aber sogar die Männer folgten dem Beispiel und reinigten ihren Bereich.

Jetzt konnte es also losgehen. Ich reorganisierte das Front Office mit Rezeptionistin Jeanette. Das ging auch ohne Computer – mit einem großen Buch, auf dem wir die Auslastung darstellten. Check In und Check Out ging auch so problemlos.

Mit dem Housekeeping Team drehte ich meine täglichen Runden. Wir bereiteten die Lodges für Anreisen vor und pflegten die der Dauergäste. Wenn sich mal wieder ein Termitenhügel auftat, musste einer der Gärtner ran. Die ständige Meeresbrise, so schön sie auch war – zugleich war sie eine große Herausforderung für Sauberkeit und Instandhaltung. Insbesondere elektronische Geräte hatten unter ihr zu leiden und gaben in regelmäßigen Abständen den Geist auf.

Mit dem Restaurant- und Bar Team machte ich Trainings zum Thema „Tische eindecken“, „Richtig bedienen“, etc. Ein aufgewecktes Team junger Männer und Frauen, die Freude an ihrer Arbeit hatten und daran Neues auszuprobieren. Tiefenentspannt waren sie auch. Wenn sich der Tourismusminister des Landes mal wieder zum Essen ankündigte, brach eine große Hektik aus. Naja, bei Ines, Claus und mir zumindest. Wenn wir da so rumwuselten und rumstressten ernteten wir nicht selten
verständnislose, aber auch amüsierte Blicke. Erinnerten wir sie dann daran, dass es jetzt aber wirklich an der Zeit ist, dies und das fertig zu haben, blickte der Oberkellner – ein gestandener, stolzer und attraktiver Mann – uns freundlich an und sagte nur: „Ihr Europäer habt die Uhr, wir haben die Zeit.“ Was will man dem entgegnen. Wo er recht hat, hat er recht. Ich hatte mir in den Jahren zuvor in der Zusammenarbeit mit Mexikanern schon abgewöhnt auf mein deutsches „das muss jetzt sofort erledigt
werden!“ zu beharren. So wie das „mañana“ der Mexikaner, zauberte mir auch so manch ein Spruch der Ghanaer ein Lächeln ins Gesicht. Nach wie vor bewundere ich das und es holt mich in gewisser Weise runter. Die Welt dreht sich auch morgen noch weiter.

„Because of rain“

Ein weiterer Klassiker. Das war die Standardantwort der Mitarbeiter, die ich bekam, wenn es regnete
und sie mehrere Stunden zu spät zur Arbeit kamen. Ich kann mich darüber nicht aufregen. Es ist ja nichts passiert. Das Leben verzögert sich hier generell, wenn es regnet. Die Gäste sind genauso spät dran. Wenn ich mich mal darüber aufregte dann war es wohl eher ein gewisser Neid. Wie gerne würde ich diese Antwort immer dann geben, wenn ich bei schlechtem Wetter nicht aus dem Haus will. Das kann ich in „meiner“ Welt aber nicht. Oder ist das auch nur in meinem Kopf? Vielleicht kann ich ja doch. Ich habe es nur nie gewagt. Es gibt auch „because of heat“ und zwar immer dann, wenn die Mittagssonne gnadenlos auf uns herab schien und die Meeresbrise ruhig war. Einige Mitarbeiter legten sich dann in den Schatten und unterbrachen ihre Arbeit. Eigentlich verständlich. Nicht aber in der mir gewohnten Welt.

Wenn mal keine Trainings anstanden entwickelte ich ein Hospitality Schulungskonzept für die locals, hielt den einen oder anderen Vortrag an Schulen oder erkundete die Gegend. Die Schulungen für die young professionals der community sollten in der Tagungslodge des Resorts stattfinden. Finanziert werden sollte das Ganze von einer engagierten niederländischen NGO. Auch das war ein spannendes Projekt für mich.

Tagtäglich spürte ich eine Entwicklung in mir. Von der pingeligen Europäerin zu einer (noch) entspannteren Persönlichkeit. Ich begann das Drumherum zu genießen – in vollen Zügen. So weit weg waren all die Vorurteile der anderen daheim und die unbewussten Ängste, die ich selbst noch in den ersten Tagen hatte.

Die Zusammenarbeit und die gemeinsame Zeit mit dem Team, hat mir ungemein viel gegeben. Eine Bereicherung, die ich auf keinen Fall missen möchte. Mir bleibt zu hoffen, dass sie es umgekehrt auch nur ansatzweise ähnlich empfunden haben.

Bambi

„Hide yourself there“

Dieses fast schon unwirklich paradiesartige Idyll. Mit dem Reh „Bambi“, das frei lebte und fast täglich im Beach Resort vorbeikam, dem Kater Maxi, der Hündin Lucy, dem Eichhörnchen, der familiären Atmosphäre, dem guten Essen, dem 6 km langen Strand, der angenehmen Tropenbrise und dem tollen Miteinander. All das ließ ich bei meinem Trip ins Landesinnere, nach Kumasi, hinter mir. Neue Abenteuer, Neue Eindrücke, Neue Menschen, Neue Begegnungen, Neue Erfahrungen – darauf freute ich mich wahnsinnig. Kwofie brachte mich zum großen Umschlagsplatz für Reisen in alle Richtungen, nach Takoradi, etwa 65 km vom Resort entfernt. Takoradi kannte ich bereits von den monatlichen Shopping Trips für den Hotelbetrieb. Dort gab es einen richtigen Supermarkt, wo Claus Fleisch
besorgte, das hier gekühlt war. Frisches Gemüse kauften wir auf dem Markt ein. Der Markt war ein Erlebnis für sich. Menschen, die sich um uns drängten. Die Früchtevielfalt auf der einen und das Fleisch, das offen in der Hitze auslag auf der anderen Seite. Dazu der abgestandene Geruch des Pfützenwassers und der Müll überall.

Jetzt war ich aber am, sagen wir ZOB. Ein schier undurchschaubares Durcheinander. Mehrere TroTros – typische Transportmittel in Ghana – reihten sich nebeneinander auf. Daneben mehrere Pkws und große Reisebusse. Alle ohne Beschriftung. Hier tobte das Leben. Überall um mich herum geschäftiges Treiben. Die Händler, die allen ihre kleinen Handtücher oder Essen ins Gesicht streckten, das sie verkaufen wollten. Lautes Gerede von allen Seiten. Der rote Staub in der Luft. Die feuchte Hitze. Die
laufenden Motoren. Familien, die sich zwischen die TroTros drängelten, Frauen mit Babys auf ihrem Rücken und Gepäck auf ihren Köpfen. Mir wurde fast schwindlig. Es war aber auch unfassbar spannend. Zum Glück hatte ich Kwofie noch bei mir. Er fragte sich für mich durch, um zu erfahren, wie man mich denn jetzt am besten nach Kumasi bekommt. Ich war ihm unendlich dankbar. Schließlich gab es ein Gefährt und es konnte losgehen. Nicht ganz sofort. Fahrpläne gibt es keine. Es wird losgefahren, sobald das Vehikel restlos vollgestopft ist. Die Fahrt nach Kumasi dauert in der Regel etwa acht Stunden. Nach etwa drei Stunden gab es eine Toilettenpause. Ohne Toiletten. Der Fahrer sieht mich an und sagt „Hide
yourself there“. Er zeigte auf die Grünfläche mit einigen Büschen neben der Straße. Das taten nur in dem Moment schon alle und mit „hide“ war nicht mehr viel. Da wartete ich doch lieber meine Ankunft ab.

Spät am Abend erreichte ich das Hotel in Kumasi. Eingeladen hatte mich der libanesische Besitzer des Hotels, zu dem ich zuvor Kontakt aufgenommen hatte. In Ghana ist Mund zu Mund Propaganda und
Empfehlung essentiell. So war mein Ziel eine Zusammenarbeit zwischen unserem Resort an der Küste und seinem Hotel in der Königsstadt Kumasi. Wir empfehlen unseren Gästen sein Hotel im Landesinneren und er empfiehlt seinen Gästen unseres an der Westküste. Schriftliche Übereinkünfte oder Kontakte zählen allerdings nicht als eben solche. Nicht bis man sich persönlich kennengelernt hat. Am Abend lud er mich gleich zum Familienessen auf der Hotelterrasse mit seinen Brüdern und seinen
Kindern ein. Verrückt. „Little Lebanon“ in Ghana. Es gab Shisha, Falafel und Tabbouleh. Eine Kultur, die ich bereits kannte und liebte. Ich fühlte mich also gleich wohl. Von Berührungsängsten keine Spur. Das wäre einige Jahre vorher noch mit meiner verschüchterten Art undenkbar gewesen.

Am nächsten Tag ging ich zum Markt, von dem mir alle vorgeschwärmt hatten. Er war riesig und großartig. All die Farben, das Gemüse, die Stoffe, die Haushaltswaren, die Früchte, die Menschen, die kleinen Schuhwerkstätten. Diese farbenfrohen Stoffe sind eine Wohltat fürs Auge. Ich kaufte mir einige. Zurück in Axim würde ich sie zur Schneiderin bringen und mir etwas nähen lassen. In Europa ist irgendwie alles so grau. Hier überhaupt nicht. Ich bin mir sicher, dass die Farben sich auch auf das
Gemüt auswirken. Vielleicht kein wesentlicher Teil, aber ganz sicher hat das auch eine Auswirkung auf die fröhliche Art hierzulande. In Gedanken vertieft, merke ich auf einmal, dass alle mich ansehen. Da wurde mir bewusst, dass ich weit und breit die einzig hellhäutige Person war. Einige Frauen berührten meinen Arm mit ihrem Finger und lächelten dabei verschmitzt. Ich erfuhr, dass sie glaubten, dass es Glück bringt. Erstaunlicherweise machte mir all das nichts aus. In keiner Sekunde habe ich mich in diesem Land je unsicher gefühlt. Die Art, wie die Menschen einen ansehen, ist in keinster Weise unangenehm, anzüglich oder belästigend. Im Gegenteil, es ist ein freundliches Interesse. Wieder etwas
über mich gelernt. Interessant.

Im Laufe meines Trips ging es in Museen über die Königsfamilien, in den traurigsten Zoo, den ich jemals gesehen hatte, in ein Naturschutzgebiet und auf einen Trip mit dem Hotelfahrer George. George erzählte mir viel über das Leben und die Kultur. Über die Menschen, die in den abgelegensten Dörfern mitten im Dschungel leben. Hier gab es keine moderne Ablenkung, keine Fernseher. Sie mussten sich miteinander beschäftigen. Daher, so George, sei es nicht verwunderlich, dass sie so viele Kinder bekommen. Ein großes Problem sind für sie aber natürlich Krankheitsfälle. Selbst heilbare Krankheiten endeten oft tödlich, weil der nächste Ort mit Medikamenten und Ärzten zu weit weg ist. Irgendwann erreichten wir ein klitzekleines Dorf, wo es einen Voodoo Tempel gab und wo einer der wichtigen Chiefs lebte. Im Voodoo Tempel war nichts außer ein paar Blutspritzer der gestrigen Zeremonie. Da war auch ein Mann in einer Ecke, der nicht glücklich darüber schien mich dort zu sehen. Er begann auf Twi, der Sprache, die man in der Ashanti Region spricht, zu schimpfen. In meine Richtung. Ich bekam es mit der Angst zu tun. Da ging die Fantasiewelt – geprägt von unbewussten Vorurteilen – in meinem Kopf wieder an. Was geschieht in diesen Tempeln? Werde ich als nächstes geopfert? Weiße
Menschenopfer ziehen sicher die Gunst der Götter eher an als die üblichen Hühner. Wie sollte ich reagieren? Ich sah mich um. Außer dem aufgebrachten Mann und mir war niemand da. Er kam auf mich zu. Er wurde immer lauter. Ich konnte ihn nicht verstehen. Da erblickte ich endlich George. Er redete sogleich auf den Herrn ein. Es stellte sich heraus, dass Fremdenbesuch an diesem Tag nicht gern gesehen war. George geleitete mich raus. Also mal wieder alles nur in meinem Kopf. Ich spreche
mehrere Sprachen und komme im Ausland für gewöhnlich super zurecht. Ich bin es nicht gewohnt nicht selbst kommunizieren zu können. Wahrscheinlich hat mich genau das in diesem Moment überfordert und diese wilde Fantasie von mir als Menschenopfer entfacht. Ich muss lachen.

Meine Gedankengänge werden von George unterbrochen. Mit etwas Glück prophezeite er mir, können wir eine Audienz beim Chief bekommen. Ich solle nur schauen, ob ich Bargeld für den Chief in der Tasche habe. Chiefs sind quasi Könige ihrer Stämme und haben das Sagen. Wir bekamen das OK und betraten ein einfaches weißes Lehmhaus. Außer einem Sofa und zwei Sesseln gab es keine Einrichtung. Drinnen die Familie und der Chief höchstpersönlich. Ein großer bäriger Mann, dessen Bekleidung ein langes festes blaues Tuch mit Mustern war, das über eine Schulter gelegt war. Es gibt Momente im Leben, da hat man das Gefühl neben sich zu stehen. Als wäre man aus seinem Körper herausgefahren und betrachtete die Szenerie von außen. Wie einen Film. Einen unwirklichen Film. Dies war so ein
Moment. Da saßen wir jetzt also. Alle zusammen. Die obligatorische Frage nach meiner Herkunft. Dann Schweigen. Wir sahen einander einfach nur an. Ein paar Minuten, die mir wie eine Ewigkeit vorkamen. Irgendwann bedeutete George mir das Zeichen für den Geldschein. Ich hatte USD 20 und sollte diese feierlich übergeben. Es wurden Fotos gemacht. In meiner Welt absurde Fotos. Ich sollte das eine Ende des Scheins halten während der Chief das andere Ende hielt. Smile! Es war lustig und unfassbar befremdlich zugleich. Ist das gerade wirklich passiert? Mit einem komischen Gefühl verlasse ich das Häuschen und es geht zurück. Wow, all das muss ich erstmal verarbeiten. Das geschieht nicht bewusst, aber es geschieht. Immer wieder, im Laufe der Zeit. Wenn ich allein mit meinen Gedanken bin und den Erinnerungsfetzen, die sich plötzlich auftun.

Im TroTro ging es zurück nach Ankobra. Das TroTro kann man sich als kleinen Lieferwagen vorstellen, der mit Sitzbänken und Stühlen ausgestattet ist. Normalerweise würden 10 Personen Platz finden. Wir
waren mit 20 drin plus Babys und Taschen. Die Hitze und diese ungewohnte Nähe waren für mich kaum zu ertragen. Durch all das Gepäck der Menschen, die unter anderem Okra und Maniok transportierten,
wurde das Gefährt zudem doppelt so hoch. Im Schleichtempo quälte sich das TroTro durch die Straßen und die Schlaglöcher. Die Fahrt dauerte etwa vier Stunden länger als sonst. Dieses befreiende Gefühl als ich mitten in der Nacht ankam, war unbeschreiblich. Luft. Wieder atmen.

Einige Wochen später bekam ich eine Shisha zugeschickt – ein Geschenk der libanesischen Geschäftspartner. Eine schöne Überraschung. Noch schöner waren die Nachmittage, die ich damit verbrachte den Kolleginnen und Kollegen das Shisha Rauchen beizubringen. Ich erinnere mich an ihre lachenden Gesichter und wie komisch sie es fanden. So etwas hatten sie nie zuvor gesehen, geschweige denn probiert.

Erfahrung besiegt Angst und wird zu Nostalgie

Nach vier Monaten war es an der Zeit Abschied zu nehmen. Ich hätte nicht gedacht, dass es mir so schwer fallen würde. Erst als ich den Kloß in meinem Hals spürte und die Tränen in den Augen der Familie, der Kolleginnen und Kollegen sah, wurde mir bewusst, dass echte Verbindungen entstanden sind. Gemeinsame Erlebnisse, die wir nicht mehr missen möchten. Wir haben viel zusammen gelacht. Wir gewährten einander Einblicke in unsere so unterschiedlichen Welten. Immer voller Respekt und Liebe.

Zurück in Lippstadt. Ich liege im Bett und es ist mucksmäuschenstill. Die Stille macht mir Angst. Witzig, vor ein paar Monaten war es noch genau umgekehrt. Ich kann meinen Kopf nicht abschalten. Ich habe die Gerüche in meiner Nase, den Geschmack von Ground Nut Soup auf meiner Zunge, das Lachen der Menschen und das Fegen in meinen Ohren und all diese Farben vor meinem geistigen Auge. Ich denke an Ines und die tiefgründigen Gespräche, die wir miteinander führten. An den ersten Joint meines 
Lebens, den ich am Strand mit ihr rauchte. Sie ist eine so starke Frau. Natürlich denke ich auch an Joeline, die mir so unfassbar ans Herz gewachsen ist. Dieses süße blonde kleine Dschungelmädchen, das so aufgeweckt und selbstbewusst war und fließend Englisch sprach – mit dem afrikanischen Akzent. Zugleich aber auch Prinzessin, die das Sagen hatte. Mit ihrer Hündin Lucy, die ihr auf Schritt und Tritt folgte. Ich werde sie vermissen. Ich erinnere mich an den Mann, der ein neues Passfoto von
mir gemacht hat, das ich für die Verlängerung des Visums brauchte. Heiraten wolle er mich. Mit mir nach Europa gehen. Europa muss so viel besser sein als Ghana. Lächelnd verneinte ich alle drei Aussagen. Es gibt kein besser oder schlechter. Nur anders. Was besser ist, obliegt der individuellen Einschätzung jedes Einzelnen. Unwillkürlich denke ich an den Beamten der Einwanderungsbehörde, der meinen Pass nicht anerkennen wollte als er feststellte, dass es ein italienischer Pass und kein
deutscher war. Stillschweigend nahm ich hin, für diese «Schande» das doppelte zu zahlen. Die Behörden haben die Macht. Mit der Korruption musste man sich in Ghana anfreunden, wenn man hier leben wollte. Dann denke ich an unsere italienische Partner NGO, die in den communities mit den Kindern Plastikmüll einsammelte und Taschen daraus machte, die sie dann für einen guten Zweck verkauften. Die bunten Fischerboote in Axim. Die Eiscreme, die man aus einer Plastiktüte aufsog. Die Fufu stampfende Magdaline. Das Stilt Village – das Dorf auf Stelzen. Die Mangroven. Die Gürteltiere. Bambi. Maxi. Der wunderschöne Lake Bosumtwi, der einzige Binnensee Ghanas. Er liegt in einem Meteoritenkrater. Absolut faszinierend. Dann der alte Mann, der uns durch das Fort St. Antony, der
zweitältesten Sklavenhochburg des Landes führte. Die unfassbare Beklemmung und das Entsetzen. Der Mann, wie er plötzlich Jolene am Arm packt, sich ganz nah zu ihr herunterbeugt und zu ihr sagt «Siehst du! Siehst du, was deine Vorfahren mit uns gemacht haben!» Alte Sklavenburgen habe ich während meines Aufenthaltes viele gesehen. «Als SM Resort wären diese Festungen sicher immer ausgebucht», so Ines. So makaber das klingen mag. Abwegig ist es keinesfalls. Darauf folgen Bilder dieser unfassbaren tropischen Natur. Der wilde Atlantik, aus dem man nach einem Bad nie unlädiert wieder herauskam. Die Mädels, die Angst vor dem Meer hatten. Die Fischer, die jeden Morgen mit ihrem frischen Fang vorbeikamen. Das Krähen der Hähne. Die Flughunde, die sich zum Sonnenuntergang gen Himmel empor schwangen.

Wow, was diese Zeit mit mir gemacht hat. Es ist überwältigend. Ohne es zu bemerken, habe ich eine unglaubliche Entwicklung durchgemacht. Und selbst meine Mutter ist stolz und erzählt gerne, dass ihre Tochter im wunderschönen Ghana war, das überhaupt nicht gefährlich ist. Mit einem überwältigenden Mix aus Emotionen und Bildern, schlafe ich irgendwann ein.

Die Melodie in meinem Kopf hat die Stille da draußen besiegt.

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