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Von Schubladen & Heimatgefühlen

Definiere Heimat

Land, Landesteil oder Ort, in dem man (geboren und) aufgewachsen ist oder sich durch ständigen Aufenthalt zuhause fühlt. Synonyme: Geburtsland, Geburtsort, Heimatland; Herkunftsland, Herkunftsort, Ursprungsgebiet, Ursprungsland.

Duden

Für die einen ganz einfach – eine Selbstverständlichkeit. Für die anderen wiederum eine Zerreißprobe. Verbreitet ist dieses zerrissene Gefühl insbesondere unter all jenen, die mit unterschiedlichen Kulturen und Sprachen groß werden. Hin und her gerissen zwischen zwei Welten. Oder eben auch nicht.

Nehmen wir mein Beispiel. In Lippstadt geboren. Familie italienisch. Als Kind und Jugendliche stellte sich mir die Frage nach der Heimat nicht wirklich. Es war selbstverständlich. Auch wenn ich bis zu meinem 16. Lebensjahr immer noch meine Aufenthaltserlaubnis erneuern musste. Und das, obwohl ich in Lippstadt geboren wurde. Italienerin und Deutsche zugleich. Irgendwie. Eigentlich.

Erinnerungen an die Kindheit

Als ich aufwuchs war das alles für mich normal. Italienische Familie in Deutschland. Zwei Sprachen, zwei Kulturen. Aufgrund derselben Nationalität mit anderen Italienern „zusammenrotten“ gab es bei uns nicht. Ist ja auch eher schwachsinnig. Es gab natürlich diese „Italiener-Treffs“, aber damit hatte meine Familie nichts am Hut. Wir brauchten das nicht, um unsere Kultur beizubehalten oder zu leben. Das ergab sich automatisch durch den Familienzusammenhalt mit nonna, nonno, Tanten und Kusinen.

In der Schule gab es die typisch kindlichen Neckereien, die uns bewusst machten, dass wir „anders“ waren. Mit „Spaghettifresser“ zum Beispiel.  Wir empfanden das -soweit ich mich erinnern kann- nicht als weiter schlimm. Es gab ein „Kartoffelfresser“ zurück. Das alles war keineswegs boshaft. Heute geht es in den Schulen wahrscheinlich ganz anders zu.

In der Grundschule musste ich einige Tage nach Unterrichtsschluss noch etwas bleiben, weil mein Klassenlehrer mir das rollende „r“ abgewöhnen wollte. Sicher wollte er mir damit das Leben erleichtern. Ich sah nur, dass alle anderen draußen spielen waren und ich nicht. Das war auch nicht das einzige Mal, dass ich noch „Unterricht“ hatte, während alle anderen sich mit Freizeit vergnügten. Ich musste auch noch zum muttersprachlichen Ergänzungsunterricht. Das fand ich sehr nervig und unfair. Mimimimimi… Heute bereue ich, dass ich mich so dagegen gewehrt habe. So sehr, dass ich irgendwann nicht mehr hingehen musste. Tja, später ist man immer klüger.

Michela / Michaela / Mikaela / Mischelle – WHATEVER

Ein ständiger Kampf war und ist immer schon mein Name gewesen. Michela nicht Michaela. Michela wie Michaela nur ohne a in der Mitte. Das ist für die meisten trotz Erklärung unsagbar verwirrend. Als ich es einmal wagte einen Lehrer zu korrigieren, bekam ich zur Antwort: „Du bist hier in Deutschland. Also heißt du Michaela.“ Aha, so einfach soll das also sein. Ich kann schwer beschreiben, wie ich mich in dem Moment gefühlt habe. Ich konnte es nicht so recht einordnen. Ich habe es in gewisser Weise als boshaft empfunden. Fühlte mich gelähmt. Es hat mir die Sprache verschlagen. Entgegnet habe ich leider nichts mehr. Ein Lehrer ist ja schließlich eine Autoritätsperson. Da wird nicht aufgemuckt. Egal wer im Recht oder Unrecht ist. Damals war es zumindest noch so.

Schubladen

Bis dahin war für mich alles „Normalität“. Irgendwie anders sein, aber auch nicht. Ich habe mich nie großartig damit auseinandergesetzt. Erstmals großes Thema wurde die Heimatfrage für mich als ich mein „Nomadentum“ begann. Was antworten auf die Frage der Herkunft? Reicht es, wenn ich einfach Europäerin sage? Fragen die Leute meines Äußeren wegen oder meiner Art und Sprache wegen? Und, wenn man das eine Klischee nicht erfüllte, dann folgte zugleich „Oh du siehst aber gar nicht aus wie eine Deutsche“ zum Beispiel, oder „Oh du bist aber gar nicht so laut und wild gestikulierend wie Italiener“. Ja, auf einmal werden sie alle zu Experten. Sie können mir also sagen, wie ich mich eigentlich verhalten sollte, gemäß den allgemeinen Vorgaben für „So hat eine Deutsche zu sein und So hat eine Italienerin zu sein“. Oder wenn man in einer deutschen Kleinstadt zum Essen eingeladen wird und sie sich extra für mich für den „Italiener auf der Ecke“ entscheiden: „Da sprichst du dann italienisch mit denen. Sag mal was auf Italienisch. Bestell doch auf Italienisch!“ Ja das ist aber nett, vielen Dank. NICHT. Die Absurdität ihrer Aussagen bemerken die Menschen nicht. Eigentlich meinen sie es ja auch nicht böse. Unangebracht ist es trotzdem. Warum? Weil es Unbehagen in mir auslöst. Weil es bedeutet, dass ich nicht zu ihnen gehöre, sondern anders bin. Weil ich wie eine Puppe funktionieren soll, um ihre Schubladenerwartungen zu erfüllen. Ein Clown in der Manege. Weil sich nicht alle Italiener in Deutschland kennen, nur weil sie dieselbe Nationalität haben. Weil auch der kleine Italiener auf der Ecke ein Fremder für mich ist. Weil ich nicht das Bedürfnis habe auf Teufel komm raus Italienisch sprechen zu müssen, nur weil mein Gegenüber dieselbe Nationalität hat. Darum. Klingt vielleicht alles etwas übersensibel und kleinlich, aber so ist es nun mal.

Gut, der Fairness halber muss man sich ehrlich eingestehen, dass wirklich jeder etwas Schubladendenken hat. Davon kann sich niemand freisprechen. Ich auch nicht. Mit Anfang 20 habe ich die internationalen Gäste an Bord auch immer in Schubladen gesteckt: Die Italiener waren immer unpünktlich. Die Deutschen immer überpünktlich. Die Spanier laut. Die Franzosen penibel. Und so weiter und so fort. Ich wusste es nicht besser. Was ich aber immer wusste war, dass es immer das Beste ist, den Mund zu halten. Irgendwann habe ich im Laufe meiner Reisen, meiner Begegnungen und meiner Arbeit mit Menschen aus aller Herren Länder gelernt, dass man einfach niemanden in irgendwelche Schubladen stecken kann. Jeder ist einzigartig. Es ist schlicht unmöglich alle über einen Kamm zu scheren.

Woher kommen Sie wirklich?

Erstaunlich oft wird mir genau diese Frage gestellt. Je nach Stimmungslage lasse ich mich darauf ein und treibe das Spiel zum Äußersten. „Woher kommen Sie?“ – „Aus Lippstadt.“ – „Ah ja und woher kommen Sie wirklich?“ – „Aus Lippstadt.“ – „Ja ja, aber wir meinen woher Sie eigentlich kommen?“ – „Ich bin in Lippstadt geboren.“ – „Ah, aber Ihre Abstammung. Man sieht doch, dass Sie woanders Ihre Wurzeln haben. Wo haben Sie Ihre Wurzeln?“ – „Meine Familie ist italienisch.“ Das ist eine Unterhaltung, die ich genau so schon unzählige Male geführt habe. Ich weiß, es ist die menschliche Neugier und keine Boshaftigkeit, aber ich mag es nicht. Ich interessiere mich auch sehr für andere Kulturen und Nationalitäten und dennoch würde ich nie auf die Idee kommen jemanden so sehr zu bedrängen. Und dann auch noch einen Fremden.

Auf Zypern habe ich die Erfahrung gemacht, dass es manche Menschen tatsächlich verwirrt, wenn sie dich nicht einfach in eine Schublade stecken können. Vor allen Dingen, wenn sie mit der einen Nationalität sympathisieren und mit der anderen nicht. Für mich waren besonders diese Situationen zu Beginn sehr irritierend. Irgendwann nur noch amüsant. Mal sehen, wie sie sich jetzt wieder raus winden aus ihrem Fettnäpfchen. Es war zum Beispiel so, dass die Zyprioten, mit denen ich zu tun hatte mir erzählten, dass sie sich den Italienern verbunden fühlten. Sie seien sich sehr ähnlich. Die Deutschen waren ihnen zu starr. Tja, wie sollten sie mich nun einordnen?

Im Laufe meiner Zeit in der Schweiz, habe ich einen Kurzurlaub bei Freunden an Bord gemacht und hatte im Anschluss eine Übernachtung in einem Hotel in Ravenna gebucht. Check In. Meldeformular ausfüllen. Adresse: Schweiz. Geburtsort: Deutschland. Nationalität: Italienisch. Nachname klingt aber irgendwie osteuropäisch. Der Rezeptionist schaut mich an: „Das verstehe ich nicht. Woher kommst du denn nun? Was bist du denn?“ Was bin ich? Alles und nichts.

Die Definition über Äußerlichkeiten

Für Deutsche bin ich aufgrund meines Aussehens die Ausländerin. Besonders seit es immer mehr Menschen nach Deutschland zieht, wird mein andersartiges Aussehen wieder von Interesse. Sind Sie Türkin oder Araberin? Wir wetten gerade, ob du Türkin oder Griechin bist. Möööpp. Fail. Warum brauchen Menschen diese Definition? Ich verstehe es nicht. Vielleicht brauchen sie es aber auch für ihre Schubladen und um für sich zu entscheiden, ob sie Sympathie für einen hegen oder nicht. Das ist dann natürlich abhängig von der Nationalität. „Der Italiener an sich ist ja der gute Ausländer.“ Puh, da hab ich aber nochmal Glück gehabt. NB: Sarkasmus.

Eine wahrlich unverschämte Begegnung hatte ich mal an Bord mit einer Dame, die sich für sehr christlich hält. Auf meinem Weg ins Büro passte sie mich ab und fragte ganz direkt, ohne Umschweife: „Woher kommen Sie denn jetzt eigentlich? Sind Sie Italienerin oder Türkin?“ Ich antwortete und sie entgegnete „Zum Glück, ich dachte schon.“ Unfassbar. Wieder etwas, das mir die Sprache verschlag. Ich wünschte ich hätte Türkin gesagt. Was sie dann wohl geantwortet hätte? Und noch viel spannender, wie hätte sie sich dann weiter mir gegenüber verhalten?

In Italien ist es nicht unbedingt besser. Da sind Schubladen auch sehr gern genommen. Dort bin ich immer „la tedesca“, weil mein italienisch nicht mehr ohne Akzent daherkommt. Wenn sie mich dann aber mögen, dann bin ich doch wieder Italienerin. Immer wieder interessant. Dann wäre da noch Sardinien, wo meine Familie ihre Wurzeln hat. Die Sarden sind nun ein Völkchen für sich. Sie sehen sich nicht als Teil Italiens und wollen am liebsten eigenständig sein. Sie haben ihre eigene Sprache und Identität. Diese Identität ihrerseits ist jedoch sehr von den Spaniern, um genau zu sein, von den Katalanen geprägt. Besonders in Alghero – dem Ort, in dem meine Mutter geboren wurde. Alghero war über 400 Jahre lang eine katalanische Enklave. Über dem Rathaus hängt neben der italienischen, der sardischen und der europäischen Fahne auch die Kataloniens. Die Sarden sagen immer zu mir, dass ich sardische Augen habe. Selbst Fremde haben mich dort darauf angesprochen. Man erkenne die sardischen Wurzeln sofort. Es sei eine ganz andere, eigene „Rasse“, die nichts mit der Italienischen oder sonst einer anderen zu tun habe. Una razza superiore. Politisch korrekt ist dieser Spruch natürlich nicht. Grenzwertig wohl eher. Dennoch. Als dieser ältere Herr mir das alles in etwa so sagte. Auf dem Boot -in den Buchten bei Arbatax- mit seinen gütigen und stolzen Augen, da fühlte ich mich daheim. Und dankbar.

Heimatlos und überall fremd?

Irgendwann fühlte ich mich nur noch heimatlos. Nichts wollte so recht passen. Mit der Zeit und Reife wurde daraus aber auch: „Wieso sollte ich mich von der Gesellschaft bedrängen lassen, nur weil sie ohne ihre Schubladen nicht auskommt und ohne sie irgendwie verloren ist?“ Noch verlorener als ich scheinbar.

Trotz all der Herausforderungen würde ich es nicht anders haben wollen. Es gibt immer zwei Seiten, es gibt immer hell und dunkel, positiv und negativ. Und irgendwas ist ja immer. Ich bin stolz auf das, was und wer ich bin. Ich hatte das unfassbare Privileg mit mehreren Kulturen aufzuwachsen. Ja, ich konnte mir sogar das für mich Beste aus jeder raussuchen. Pasta und Pünktlichkeit. Zum Beispiel.

Fakt ist, jeder definiert Heimat für sich. Individuell. Für mich bedeutet Heimat ein Gefühl. Das Gefühl von Geborgenheit. Heimat ist da, wo ich Ich sein kann. Da wo ich mich wohl fühle. Da wo meine Familie ist. Da wo ich wie in einer Familie aufgenommen werde. Ich habe mich schon an vielen Orten heimisch und gut aufgehoben gefühlt. Einer weiteren Definition bedarf es nicht. Ich bin ein Weltenbürger. Ein Lebewesen unter vielen.

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