Travel

Kulturschock Kreuzfahrtschiff

Es ist kurz vor 9 Uhr am Morgen in Saint-Nazaire / Frankreich. Der Himmel ist grau und es nieselt. Ich bin am Hafen. An dem Hafen, an dem viele der großen Schiffe gebaut werden. Ich steige aus dem Wagen und stehe direkt vor meinem allerersten Kreuzfahrtschiff: der MSC Opera. Riesig und anmutig zugleich türmt sie sich vor mir auf und verschlägt mir den Atem. Sie war wunderschön. Es war still und laut zugleich. Meine Gedanken werden vom Crew Purser unterbrochen, der mich empfängt und mich an Bord begleitet. Im Innern glich sie noch einer Baustelle. Die Opera befand sich in den letzten Zügen der Fertigstellung. In wenigen Tagen sollte es losgehen. Zunächst mit Partnern und Reisevertrieblern. Um letztere aus Deutschland sollte ich mich kümmern. Sie herumführen, ihnen das Schiff zeigen und ihnen alle Informationen geben, die sie benötigten. Doch dazu kam es nicht. Denn noch am selben Tag gab es einen „Notruf“ vom Schwesternschiff, der MSC Lirica. Sie war dazu bestimmt mein erstes Heimatschiff zu werden. Dort war Personal am Empfang ausgefallen und ich sollte die Stelle übernehmen.

Venedig – nein danke

So flog ich also am Folgetag nach Venedig. Mein erstes Mal in Venedig. Mein erster Eindruck war ganz klar: Ich mochte es nicht. Ich war komplett überfordert. Die Stadt war von Menschen überfüllt, so viele Touristen auf einem Haufen hatte ich bis dahin noch nie gesehen. Es waren so viele, dass sie die Schönheit Venedigs überdeckten und verbargen. Ich hatte allerdings keine Zeit mir Gedanken darum zu machen, ob ich Venedig nun mochte oder nicht. Meine Challenge lautete: Mich in diesem Durcheinander fokussieren und eigenständig zum Schiff finden – mit Gepäck. Irgendwie gelang es mir. Im riesigen Terminal angekommen, musste ich mich erstmal zurechtfinden im Gewusel einschiffender und ausschiffender Gäste – mehrerer Schiffe. Nach etwas Rumgefrage, wurde der Crew Purser der Lirica gerufen. Der kontrollierte zunächst die Pässe. EU Crew und NON-EU Crew wurden getrennt. Für die neuen NON-EU Crew Mitglieder gab es strengere Kontrollen, bevor sie an Bord kommen durften. Sie mussten zum Beispiel neben gültigen Papieren und Visa auch Gesundheitszertifikate vorlegen. Das musste ich nicht.

Ankommen

Als erstes ging es ins Crew Office, wo alles geregelt wurde. Ich bekam meinen ersten Schiffsvertrag für die Dauer von 6 Monaten. Das bedeutet 6 Monate Arbeiten an Bord ohne Frei-Tage oder gar Feiertage. Das machte mir nichts aus. Bei all den neuen Eindrücken hatte ich keine Zeit mir über solche Details Gedanken zu machen. Dann noch ein Foto für die Crew Card und da stand schon Alessia vor mir. Klein, zierlich, hübsch und mit einer sehr offenen sympathischen Art und einem Riesenlächeln begrüßte sie mich. Sie half mir eine Uniform zu bekommen und zeigte mir die Kabine auf dem Unterdeck, die wir gemeinsam teilen sollten. Das war Schock Nummer 1. Die (Innen-)Kabine war klein, beengt und dunkel. Das obere Etagenbett war für mich vorgesehen. Ich hatte keine Zeit es schrecklich zu finden, denn ich musste mich gleich in die Uniform schmeißen, um rechtzeitig zur Einschiffung meinen Dienst an der Rezeption zu beginnen.

Es gab 3 Uniformen. Eine Tagesuniform bestehend aus khakifarbenem Blazer, Rock, weißer Bluse und Foulard. Eine Abenduniform, die aus einem eleganten Ensemble in grau bestand: Bleistiftrock, figurnah geschnittener Blazer, weiße Bluse und schwarze Krawatte. Zu guter Letzt gab es die Gala Uniform: Ein elegantes schwarzes Etui Kleid mit schwarzem Blazer und Foulard. Schuhe hatte ich selbst mitgebracht. Mit dem Binden des Foulards und der Krawatte brauchte ich Hilfe von Alessia. Ich hatte so etwas vorher nie getragen. Kaum in Schale geschmissen ging es weiter.

In die Officers Mess. Die Rezeptionistinnen haben hier zwar keinen Offiziersstatus, aber sie sind bei den Offizieren sehr gern „gesehen“. So kam es, dass wir das Privileg hatten dort speisen zu dürfen. Es war so elegant wie in einem Restaurant. Es gab gutes Essen und auf jedem Tisch zum Mittag- und Abendessen auch eine kleine Karaffe Weiß- und Rotwein. Ich war zu aufgeregt, um etwas essen zu können. Außerdem waren da überall diese Blicke. Sie waren allgegenwärtig. Egal, wo ich mich auf dem Schiff bewegte, Blicke verfolgten und musterten mich. Das war mir sehr unangenehm. Später erst verstand ich, dass ich als Newcomer natürlich auch zum „fresh meat“ gehörte, wie man an Bord so schön sagt.

Schock Nummer 2

Ich hatte keine Zeit mich wegen der Blicke unwohl zu fühlen, denn es ging direkt weiter. Zu einer kurzen Einweisung zum Safety Officer. Erklärungen sollten später folgen. Erstmal das „Dokument“ unterschreiben. Dann direkt an die Rezeption zum Dienst. Hier gab es meinen persönlichen Schock Nummer 2. Menschenmassen und Chaos. Es gab keine Zeit für ein kleines Briefing, geschweige denn eine Einarbeitung. Der Sprung ins kalte Wasser. Ins eisige Wasser. Es gab keine geregelte Warteschlange oder ähnliches. Das Front Desk war etwa 6 Meter lang und leicht gebogen. Eigentlich sehr hübsch. Wenn sich nur nicht alle gleichzeitig darauf stürzen würden. Mit alle sind die einschiffenden Gäste gemeint. Niemand hat sich angestellt oder den anderen ausreden lassen. ALLE haben gleichzeitig geredet. Dass das nicht in ruhigem Ton vonstatten ging, kann man sich wohl vorstellen. Aus allen Ecken tönte es: „Signorina! Madame! Señorita! Fräulein! Mademoiselle!“ Sie schnippten mit den Fingern und winkten um unsere Aufmerksamkeit. Es war der pure Horror. Da ich keine Einweisung bekommen hatte und selbst erst vor einer Stunde an Bord gekommen war, konnte ich kaum eine Frage beantworten. Also beobachtete ich die anderen, wie sie mit den Fragen/Anliegen umgingen und tat es ihnen irgendwann nach. Ich hatte keine Wahl. Entweder ich kassiere die wütenden Blicke der Gäste, die denken, dass ich ihnen nicht helfen will oder ich riskiere auf ein Problem keine Antwort zu haben. Ich wählte letzteres. Am Ende sind es ja auch meistens dieselben Fragen. Dennoch. Diese entspannte Sichtweise hatte ich damals noch nicht. Diese erste Schicht war für mich das Allerschlimmste überhaupt. Selten habe ich mich so unwohl in meiner Haut gefühlt. Ich hatte Angst angesprochen zu werden. Am liebsten hätte ich mich in Luft aufgelöst.

Später -zur Essenszeit- beruhigte es sich etwas und ich konnte wieder atmen. In Ruhe schauen, wie die Dinge funktionierten. Wie man eine neue SeaPass Card druckte, welche Schritte zu erledigen sind, wenn jemand die Kabine wechseln möchte, wie es mit der Bezahlung an Bord aussieht und all diese Dinge. Meine Kolleginnen waren alle sehr gestresst, aber super nett. Ich glaube die Front Desk Supervisor Yvette hätte mich -verängstigtes Häschen- am liebsten direkt aufgegeben, aber sie gab mir eine Chance. Yvette kam aus Madagaskar, war klein und zierlich, konnte aber auch ganz schön frech sein. Auf eine lustige, sympathische Art. Ich mochte sie von Anfang an.

Spät am Abend saß ich vollkommen fertig in der Kabine. Das musste ich alles erstmal irgendwie verarbeiten. Was habe ich mir damit nur angetan? Das kann doch nicht gut gehen. Wie bin ich überhaupt hierhergekommen? Hmm ach ja, vor einem halben Jahr hatte ich eine MSC Crociere Anzeige in der fvw gesehen. Ich dachte es sei eine gute Idee mich da einfach mal initiativ zu bewerben, um endlich einen Job zu bekommen, bei dem ich die Welt bereisen konnte. Ein halbes Jahr lang gab es keine Reaktion auf meine Bewerbung. Bis irgendwann ein Anruf kam. Eine weibliche Stimme stellte sich als Mitarbeiterin von MSC in Neapel vor und fragte, ob ich in 4 Tagen an Bord kommen könnte. Wieso nicht? Wenn alles kurzfristig ist, dann hat man auch keine Zeit alles tausendfach zu überdenken. Und da war ich nun. So hatte ich mir das nicht vorgestellt.

Schock Nummer 3

Irgendwann schlafe ich ein. Ich schlafe wie ein Stein. Es ist stockduster. Schock Nummer 3: Der Wecker klingelt und reißt mich brutal aus dem Schlaf. Ich weiß überhaupt nichts mehr. Was ist heute für ein Tag. Wer bin ich. Wo bin ich. Und warum. Diese Enge. Die Dunkelheit und darauffolgend dieses künstliche Licht. Es ist grausam. Mein Kopf brummt. Aber ich komme jetzt nicht mehr aus dieser Situation heraus. Erst in 6 Monaten. Wenn ich etwas anfange, ziehe ich es durch. Aufgeben und abbrechen war noch nie so mein Ding. Egal wie (vermeintlich) schlimm es ist.

Tag 2 beginnt mit dem Safety Briefing. Alle New Hires müssen dem beiwohnen und lernen vom Safety Officer welche Sicherheitsmaßnahmen an Bord zu treffen sind, welche Gefahren es auf einem Schiff gibt und wie man sich in Notfällen zu verhalten hat. Die Szenarien werden regelmäßig bei emergency drills (=Seenotrettungsübungen) durchgespielt. Es gibt einmal den muster drill, der immer zu Beginn einer jeden Reise mit den Gästen gemacht wird und zum anderen den drill für Crew Mitglieder. An diesem Morgen stand beim Auslaufen die Seenotrettungsübung für die Gäste auf dem Plan. Meine duty war es, mich an der mir zugeteilten Sammelstation auf der Steuerbordseite einzufinden und den Gästen zu zeigen, wie man eine Rettungsweste anzieht und welche Funktionen sie mitbringt. Das Ganze 5 Mal – mit den Durchsagen, die vom Kreuzfahrtdirektor in 5 Sprachen gemacht wurden.

Weit mehr als ein neuer Job – eine neue Welt

Im Laufe der ersten Wochen musste ich nicht nur einen neuen Job erlernen. Vielmehr musste ich lernen mich auf ein komplett anderes Leben einzulassen. Auf den Mikrokosmos Schiff, welcher wie ein unabhängiges Land funktionierte. Der Präsident war der Kapitän. Mit ganz eigenen Strukturen und Hierarchien. Oh, wie wichtig die Hierarchien waren. Grüßte man den Kapitän oder einen der Offiziere ihrer Auffassung nach nicht angemessen genug, drohte einem der Rauswurf.

Sehr gewöhnungsbedürftig ist auch die Enge gewesen. Und die mangelnde Privatsphäre. Ich war in kaum einem Moment allein. Es gab keinen richtigen Rückzugsort. Ich stand überall unter Beobachtung. So fühlte es sich zumindest an. Unangenehmen Situationen oder Menschen konnte man nicht aus dem Weg gehen. Arbeitsplatz = Wohnort. Es gibt kein Zwischending.

Dann waren da ständig diese vielen Menschen. 1700 Gäste und 750 Mitarbeiter. Und alle wollten etwas. So kam es mir vor. Viele waren dabei so unverschämt, laut und unhöflich. Dauersendung auf 5 Sprachen und manchmal auch mehr. Mehrsprachige Beschimpfungen. Die schlimmsten Beleidigungen mussten wir uns an der Rezeption gefallen lassen. Beleidigungen, die über unfreundliche Beschwerden weit hinaus gingen. Wüste Beschimpfungen wie „puttana“ zum Beispiel mussten wir uns an den Kopf werfen lassen, wenn es mit der Ausschiffung in Bari mal nicht schnell genug ging. Aber der Gast ist König. Es war uns untersagt zu reagieren.

Die ersten zwei Monate waren unerträglich für mich. Es verging kein Tag, an dem ich nicht in meiner Kabine saß und darüber nachdachte das Handtuch zu werfen. Die Gedanken kreisten ununterbrochen. So viel Neues wollte und musste verarbeitet werden. Dafür war aber keine Zeit. Alles immer in Begleitung des ständigen Rumorens des Ozeans um mich herum – das Wasser, das hörbar an die Schiffswände krachte. Ob meine Erwartungen einfach zu naiv waren und ich besser dran wäre abzubrechen und nach Hause zu fahren? Ich tat es nicht. Denn bei allem „Schrecklichen“, gab es immer auch schöne Momente.

Und irgendwann erlaubte ich mir, sie auch wahr zu nehmen.

MSC Lirica

Ich sah die tollen Menschen, die mich umgaben und mit denen ich arbeiten durfte. Die Menschen, die mich Küken unter ihre Fittiche nahmen, um auf mich Acht zu geben – Alessia & Fulvio. Der familiäre Zusammenhalt der Crew an Bord. Die gemeinsame Zeit. Die Feste. Die Freundschaften, die sich entwickelten. Das frische Essen, das die Ehefrauen im Heimathafen Neapel an Bord brachten und das wir alle im Maschinenraum zum Beispiel teilten. Die Vielfalt an Bord hat mich besonders beeindruckt. Zugleich war sie aber direkt auch eine Selbstverständlichkeit. Die Bell Boys kamen aus Bali, die Blue Boys kamen aus Samoa, die meisten Offiziere kamen aus Süditalien, die Security Offiziere kamen aus Israel und so weiter und so fort. Eine bessere Arbeitsumgebung konnte ich mir nicht vorstellen. Sie alle waren zu einem Teil meiner Familie geworden. Wir konnten uns aufeinander verlassen und waren immer füreinander da. Manchmal war es schon fast zu harmonisch um wahr zu sein. Natürlich gab es auch ganz wunderbare Gäste. Wir durften ein positiver Teil ihres Urlaubs sein. Wir durften unseren Teil dazu beitragen, dass sie eine unvergessliche Zeit an Bord verbrachten. 

Außerdem lernte ich eine neue Sprache. Es hieß zwar, dass Englisch die Erstsprache und Italienisch die Zweitsprache an Bord war, aber in der Realität sah es eher so aus:

1. Napoletano

2. Italienisch

3. Englisch.

Sogar die Indonesier und Filipinos sprachen genügend Napoletano, um zurecht zu kommen. Ich fand diesen Dialekt sehr amüsant und hatte definitiv meinen Spaß damit.

Dann sind da noch die Häfen. Jeden Tag ein anderer Hafen. Und immer auch etwas Zeit, um rauszugehen und selbst Gast zu sein. Besucher in all diesen schönen Mittelmeerhäfen in Griechenland, der Türkei, Kroatien, Italien, Tunesien, Marokko und Spanien. Mein erstes Mal auf einem türkischen Basar in Kusadasi, die Anläufe in Katakolon, wo es nichts außer einer kleinen Straße mit Restaurants und einigen Boutiquen gab, tendern in Dubrovnik und dieser Blick auf die imposanten Stadtmauern, der Charme Neapels und das grandiose Essen, verzaubert durch die malerischen Gassen von Sidi Bou Saïd -dem blau-weißen Künstlerdorf an der nordöstlichen Küste Tunesiens, der schöne Hassan-Turm aus Sandstein in Rabat / Marokko, der Parc Güell in Barcelona und so unsagbar viel mehr. All diese Kulturen und Impressionen. Wunderschön und umwerfend. Ich genoss es in vollen Zügen.

Endlich gestattete ich mir das Schiffsleben mit allem was dazu gehört zu genießen. Wenn ich Ruhe brauchte wusste ich wann der richtige Moment ist, um auf Deck zu gehen. Da waren nur das Rauschen des Meeres, der weite Horizont, der sagenhafte Sonnenuntergang und ich. Die schönsten Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge erblickt man von einem Schiff aus, das sich mitten auf dem Ozean befindet. Das gesamte Zusammenspiel verschlägt mir den Atem und lässt mich zur Ruhe kommen. Die Seeluft tut gut. Die Macht der Natur tut gut. Sie erdet.

Ohne es bewusst mitzubekommen hatte ich mich verändert – sehr sogar. Ich war auf einmal viel selbstbewusster. Ich hatte innerhalb kürzester Zeit gelernt, mich den Gästen gegenüber auf höfliche Art zu behaupten. Den Menschen um mich herum selbstbestimmt gegenüberzutreten. Das graue Mäuschen war Geschichte. Ich lernte, dass eine starke Behauptung besser als ein schwacher Verdacht war. Ich lernte, dass niemand mir persönlich etwas Böses wollte. Ich wuchs an meinen Aufgaben und über mich hinaus. Bewusst wurde mir das alles erst, als Yvette mich eines Tages ansah und sagte: „Miche, ich bin stolz auf dich. Wie du dich entwickelt hast, ist der Wahnsinn. Am Anfang dachte ich, dass das mit dir nichts werden kann. Du sahst so verängstigt aus und hättest dich am liebsten irgendwo verkrochen. Glaub mir, das war dir anzusehen. Und jetzt sieh dich an. Du bist eine meiner Besten im Team.“

4 Wochen Urlaub und danach wieder für 6 Monate Karibik und Mittelmeer anheuern? Klar! Keine Frage. Ich bin dabei.

Let’s talk! Ich freue mich auf deine Nachricht.