Rad Tour im Auenland
Episoden,  Travel

Digital Detox irgendwo im Nirgendwo

Es regnet, es ist grau und kalt. So hatten wir uns den Pfingstsamstag – unseren ersten Tag auf dem Land aka Naturpark Aukrug nicht wirklich vorgestellt. Was tun? WiFi gibt es nicht, einen Fernseher ebenso wenig. Zum Glück hatte Gastgeber Detlef die kleine hübsche Laube vorgeheizt. So ist es total gemütlich und wir fühlen uns gleich viel wohler. Wir sehen uns um und finden eine große alte Kiste Gesellschaftsspiele. Lang ist’s her. Warum sich also nicht einfach mal den ganzen Abend lang bei einer guten Flasche Wein beim „Mensch ärgere dich nicht“-Spielen ärgern? Bevor es eskaliert switchen wir zu Mau Mau. Besser – ich kann mich nicht daran erinnern, wann wir zuletzt derart echt und wirklich im Hier und Jetzt waren, uns ausschließlich aufeinander fokussiert haben und so viel Spaß dabei hatten – ganz ohne Ablenkung.

Kein Alltag, keine Verpflichtungen, keine ständig bimmelnden Mobilgeräte, kein TV, keine Erwartungen, keine Sorgen und kein schlechtes Gewissen nicht erreichbar zu sein. So fühlt es sich an. Ich fühle mich nicht schuldig nicht erreichbar zu sein, weil ich ja nichts dafür kann, dass es hier mitten im Nirgendwo keinen Empfang gibt. Das ist ein befreiendes Gefühl – ich kann einfach wieder Ich sein und wir können einfach wieder Wir sein. Keine zwei Stunden (ohne Stau) von Bremen entfernt habe ich ein Gefühl von Freiheit wiedergefunden, das ich zuletzt noch aus Kuba kenne, wo wir auch von der Außenwelt abgeschottet waren und einfach Sein konnten.

WWF – Wald Wasser Frösche

Vom warmen Sonnenlicht, das durch die Fenster strahlt, und nichts als dem fröhlichen Gesang der Vögel werden wir sanft wachgeküsst und freuen uns auf diesen Tag. Mit einem gemütlichen Frühstück starten wir in den Pfingstsonntag und holen uns dabei noch ein paar local Tipps von Detlef ab, der uns zwei Fahrräder für unseren Tag in der Natur zur Verfügung stellt. Er erzählt uns von Seelust, das gerade einmal 3,5 km entfernt ist.

Wir düsen los und verfahren uns erstmal. Egal, wieder zurück. Irgendwann erreichen wir Seelust und können nicht fassen, dass außer uns tatsächlich keine Menschenseele da ist. Wir stehen an einer Naturbadestelle mit einem kleinen Steg, über den man ins Wasser gelangt. Wie wir später erfahren eine der wenigen Naturbadestellen im Auenland. Für ein erfrischendes Bad ist es dann doch noch zu frisch, aber für eine kleine Pause, frische Luft und absolute Ruhe ist es in diesem Moment perfekt.

Wenig später schwingen wir uns wieder auf die Räder. Im nächsten Ort -Hennstedt- angekommen denken wir kurz darüber nach zurück zu fahren, um den riesigen Garten unserer Unterkunft in Rade zu genießen. Es sind aber gerade einmal zwei Stunden vergangen seit wie los sind und so beschließen wir die Rad Tour noch etwas auszudehnen und weitere Seen im nahegelegenen Waldgebiet namens Hennstedter Holz aufzusuchen. Nach einem Stück Landstraße (L121), biegen wir links ab, wo uns der Weg durch die dichten Wälder in Richtung der Wanderwege Waldhütten führt.

Es ist wunderschön und immer noch sagenhaft ruhig. Die Anzahl Menschen, denen wir begegnen, kann ich an einer Hand abzählen. Ein paar Wanderer mit ihren Hunden hier und da – das war’s. Und das an Pfingsten, bei bestem Wetter in einer so atemberaubenden Gegend im Naturpark Aukrug, der sich für Ausflüge bestens eignet, besonders an so verlängerten Feiertagswochenenden. Bei all den Seen, Wäldern, Teichen, der Tierwelt und Natur pur ist es wirklich erstaunlich, dass nicht mehr Wanderer, Familien, Radfahrer und Abenteurer unterwegs sind. Mit allem haben wir gerechnet, nur damit nicht. Was für Glückspilze wir doch sind.

Froschkonzert

Plötzlich wird die Stille des Waldes unterbrochen. Den Geräuschen folgend landen wir an See Nummer 1 in diesem Wald. Der „Lärm“ kommt von unzähligen Fröschen, die einer lauter als der andere rumquaken. Ich war schon so lange nicht mehr in echter unberührter Natur, dass ich mein Fahrrad beiseitelege und total fasziniert näher an den See herantrete, dem Konzert lausche und natürlich die „Sänger“ dazu suche. Die sind allerdings gar nicht so einfach auszumachen. Camouflage sage ich nur. Sie passen sich ihrer Umgebung perfekt an. Mit viel Geduld kann ich dann doch den einen oder anderen entdecken. Bei einem bin ich mir allerdings nicht sicher, ob er mich töten oder mein Prinz sein will. Liegt ja oft nah beieinander sowas. So oder so, mit jedem erblickten Frosch freue mich wie ein Kind, das zum ersten Mal aus der Stadt rauskommt.

Da man es sich an dieser Stelle nicht so recht gemütlich machen kann, ziehen wir wieder los und nur wenige Meter weiter biegen wir um die Ecke und stehen plötzlich zwischen zwei großen Teichen. Einer zu unserer rechten und einer zu unserer linken. Auf einem kleinen Steg legen wir unsere nächste Rast ein. Und auch hier kommen wir in den musikalischen Genuss von Mutter Natur: Vögel, Frösche und das sanfte Rauschen des Windes durch die Bäume und die uns umgebenden Halme. Augen zu und nur das Jetzt spüren – dazu die warme Sonne auf der Haut, die so guttut. Der Alltag und der Alltagsrausch könnten nicht ferner sein. Seit wir gestern in der Hütte angekommen sind, haben wir keinen einzigen Gedanken mehr daran verschwendet. Wozu auch?

Zurück im Garten Eden

Als Garten Eden könnte man dieses Plätzchen wirklich bezeichnen. Detlef und seine Familie haben sich hier eine richtig schöne Oase geschaffen. Der Garten ist riesengroß und mit so viel Liebe zum Detail gestaltet – ohne es zu übertreiben. An jeder Ecke findet man eine Überraschung. Ein ruhiges Plätzchen zum Sonnen hier, eine Gemeinschaftsecke da und ganz oben ein uraltes Bett im Freien. Besser geht’s nicht. In der Grillecke genießen wir unser Essen, für das wir alles Nötige am Vortag im nahe gelegenen Kellinghusen besorgt hatten. Und ein kühles Flens.

Und wo lassen wir uns zur Siesta am späten Nachmittag nieder? Genau, im Outdoor Bett, das gemütlicher kaum sein kann.

Drei Mal dürft ihr raten wie wir später den lauen Sommerabend haben ausklingen lassen… Yup mit Wein und Mau Mau 😉

Das Leben ist schön und wir sind dankbar.

Meine Auszeit-Tipps für dich

Falls du auch mal Lust oder das Bedürfnis für eine Auszeit verspürst, für die du nicht um die halbe Welt gondeln musst (/kannst), kann ich dir einen solchen Trip -quasi vor der Haustür- nur empfehlen. Wir vergessen oft ganz schön schnell: Das Gute liegt so nah. In diesem Fall in Schleswig-Holstein.

Wie sind wir also auf diesen Spontantrip gekommen?

Wir wollten einfach mal los, aber nicht allzu weit. So entdeckten wir den klitzekleinen Ort Rade bei Fitzbek irgendwo zwischen Hamburg und Kiel. Alles hier scheint so anders. So idyllisch. Eine Mischung aus Skandinavien und Norddeutschland. Tourismus scheint kaum vorhanden und das obwohl Rade inmitten eines Naturparks gelegen ist, das so viel zu bieten hat. Sogar Störche fühlen sich im Auenland wohl. Der Rensinger See ist um die Ecke und von Rade aus ist es ein schöner Spaziergang zur Stör.

Btw im kleinen Dorf Rade leben gerade einmal 100 Menschen. Auf den ersten Blick würde ich sagen gibt es mindestens genauso viele Kühe und Pferde. Einkaufsmöglichkeiten und Gaststätten gibt es nicht. Dafür fährt man 6 km weiter nach Kellinghusen oder nach Hennstedt auf der anderen Seite.

Die Unterkunft

Hier auf dem Land steht die Zeit einfach still, vieles erinnert an die Kindheit, es gibt keinen Empfang und die Gastgeber haben sich bewusst gegen Gäste-WiFi entschieden. Eine gute Wahl wie wir finden. Detlef und seine Mutter haben das alles so bezaubernd gestaltet und finden genau das richtige Maß als Gastgeber. Ihre Tipps kommen immer zur richtigen Zeit, sie sind da, wenn man sie braucht, aber sie lassen einem die nötige Privatsphäre. Was will man mehr?

Kurztrip Norddeutschland

Gefunden haben wir ihre Hütte über airbnb, indem wir einfach „Waldhütten“ in die Suchleiste eingegeben haben – ein Glücksgriff ein paar Tage vor den Pfingstferien. Zur Hütte gibt es eine kleine Küche, die bestens ausgestattet ist, ein Bad, eine kleine Terrasse mit Grillecke und den grandiosen Garten. Bei solchen Voraussetzungen konnten wir darüber hinwegsehen, dass es nur ein Etagenbett gab – war auch irgendwie lustig. Eine Übernachtung mit alldem hat gerade einmal € 25 die Nacht gekostet. Unfassbar.

Das ist eine persönliche Empfehlung und keine bezahlte Werbung.

Du hast Lust auf einen Trip in die Region Naturpark Aukrug und kannst noch weitere Tipps zur Fahrradroute, der Gegend oder der Unterkunft gebrauchen? Ich freue mich auf deine Nachricht und bin dir gerne behilflich.